An den
Ecken war er eingerissen, die Farbe ausgebleicht, kaum noch leserlich. Die
Schutzfolie hatte bereits das Weite gesucht, kurz, er sah schäbig aus. Dabei
hat dieses kleine Papier in meinem Portemonnaie eine wirklich grosse und
wichtige Bedeutung. So habe ich kürzlich beschlossen, mir einen neuen
Organspendeausweis zu besorgen. Wie ich vor Jahren zu meinem Ersten kam, weiss
ich nicht mehr, in meiner Familie besitzen alle einen. Umso erstaunter war ich
dann zu sehen, wie schnell man zu so einem Ausweis kommt. Einen Klick im weiten
Web, runterladen, ausdrucken, beschriften, falten und dabei ein gutes Gefühl
haben. Drei Minuten von meiner Lebenszeit um jemand anderem vielleicht 30 Jahre
zu schenken.
Ja, ich
bin Organspenderin.
Einerseits
ist das ein sehr persönliches Thema, welches jeder Mensch für sich entscheidet,
anderseits geht es uns alle an. Jeder von uns könnte eines Tages betroffen
sein.
Es gibt
Menschen, die ihre Organe nie spenden und auch selbst keine annehmen würden.
Ihr Glaube lässt es nicht zu, es sei nicht Gottes Wille. Ich habe Mühe mit
solchen Ansichten, denn, soll Gutes tun nicht Gottes Wille sein? Unvergesslich
in Erinnerung bleibt mir die traurige Geschichte eines Jungen, der verbluten
musste, weil seine Eltern eine Bluttransfusion aus religiösen Gründen abgelehnt
hatten. Die Ärzte hätten das Kind retten können. Kann man das verstehen? Mittlerweile
sind viele gläubige Menschen Organspender. Wohl aus dem Bedürfnis, über ihren
Tod hinaus Gutes zu tun.
Ich
denke, dass viele Menschen, solange sie und ihre Familien nicht direkt
betroffen sind, einfach nicht an einen Organspendeausweis denken. Vielleicht
ist es auch reine Bequemlichkeit oder die Angst, sich mit der eigenen Vergänglichkeit
auseinanderzusetzen. Für mich ist es auf jeden Fall klar: Meine noch
funktionstüchtigen Organe dürfen bei meinem Ableben entnommen werden. Das
kleine Papier in meinem Portemonnaie berechtigt die Ärzte dazu.
Wieso sollte ich nicht jemand anderem ein Leben
schenken? Wieso sollte diese Person sterben, nur weil ich nicht möchte, dass
man mir meine Organe entnimmt? Für mich ist das ethisch nicht vertretbar. Wir
alle wissen ja, dass unser Körper und somit unsere Organe nach einer
Erdbestattung verwesen. Bei einer Kremation erübrigen sich weitere Erklärungen.
Ich
spende und somit kann ich gegebenenfalls Leben retten. Vielleicht spende ich
meine Organe für das süsse Kind, die Nachbarin mit den schönen Haaren, den älteren
Herrn mit der Hornbrille. Es könnte auch dein Bruder sein. Deine Mutter. Dein
Grossvater.
Wer nach
dem Lesen dieses Textes noch unentschlossen ist, sollte sich folgende Frage
stellen: Wäre ich selbst nicht unendlich froh, ein Spendeorgan zu erhalten,
welches mein Leben rettet oder jenes meiner Familienmitgliedern und Freunden? Ich
denke, die allermeisten von uns werden diese Frage mit Ja beantworten. Jene
aber, die nach gründlicher Überlegung davon überzeugt sind, dass sie ein
fremdes Organ unter keinen Umständen wollen, sollten eigentlich dazu verpflichtet
werden, einen Ausweis auf sich zu tragen, der dies festhält. Leider ist es in
der Schweiz noch umgekehrt geregelt, man muss sich als Organspender ausweisen.
Ansonsten sind die Ärzte nicht berechtigt, die Organe zu entnehmen.
In der
Bibel heisst es ja: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.
In die
heutige Zeit übersetzt bedeutet für mich Nächstenliebe, auch
einer mir unbekannten Person, durch meine Unterschrift Leben zu spenden, denn
auch diese hat ihre Nächsten.
3 Minuten,
es lohnt sich! :)